Ein Beitrag zur kritischen Einordnung eines oft unterschätzten Risikos


Sascha Lobo – Publizist und einer der schärfsten Beobachter der digitalen Gesellschaft – plaudert in KI-Chats nahezu alles aus, sogar Gespräche mit seiner Frau. Als ich ihn im Dezember 2025 bei Markus Lanz erlebte, stellte sich mir eine Frage, die vermutlich viele beschäftigt, aber kaum jemand laut ausspricht: Kann eine KI eigentlich schweigen?

Die ernüchternde Antwort lautet: Nein – zumindest nicht so, wie wir es von Ärzten oder Anwälten kennen.

Was Ärzte und Anwälte von ChatGPT unterscheidet

Wenn Sie Ihrem Hausarzt eine ernsthafte Erkrankung schildern oder Ihrem Anwalt ein heikles Rechtsproblem anvertrauen, greift ein jahrhundertealtes Schutzprinzip: die gesetzliche Schweigepflicht. In Deutschland ist dies unter anderem in § 203 StGB verankert. Wer dagegen verstößt, macht sich strafbar.

Für KI-Systeme wie ChatGPT, Claude oder Microsoft Copilot gilt das schlicht nicht.
Diese Systeme unterliegen keinerlei gesetzlichem Berufsgeheimnis. Noch gravierender: Bei den kostenlosen Standardversionen werden Ihre

  • Heilberufe: Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Pflegekräfte, Apotheker und Rettungsdienstpersonal.
  • Recht und Beratung: Rechtsanwälte, Notare, Patentanwälte, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater sowie Schwangerschaftskonfliktberater.
  • Soziales: Sozialarbeiter und Mitarbeiter staatlich anerkannter Suchtberatungsstellen.

Eingaben häufig für das weitere Training der Modelle genutzt. Was Sie eintippen, kann – unter bestimmten Umständen – in den Antworten anderer Nutzer wieder auftauchen oder von Mitarbeitern des Anbieters eingesehen werden.Das ist keine Spekulation, sondern in den jeweiligen Nutzungsbedingungen festgehalten – von den meisten Nutzern ungelesen akzeptiert.

Besondere Gefahr: Berufsgeheimnisträger am KI-Terminal

Interessant – und rechtlich brisant – wird es, wenn Ärzte, Anwälte oder Steuerberater KI-Systeme für ihre tägliche Arbeit nutzen. Wer Patientendaten, Mandantengeheimnisse oder vertrauliche Geschäftsinformationen in eine Standard-KI eingibt, riskiert nicht nur einen Datenschutzverstoß, sondern unter Umständen eine strafbare Verletzung von Privatgeheimnissen.

Das klingt wie eine Randnotiz – ist es aber nicht. Die KI-Nutzung am Arbeitsplatz hat sich in den vergangenen zwei Jahren explosionsartig ausgebreitet, oft schneller als das entsprechende Risikobewusstsein.

Und Ihre Geschäftsidee? Lieber nicht ungeschützt teilen.

Wer eine innovative Geschäftsidee mit einer öffentlichen KI bespricht, geht ein ähnliches Risiko ein. Das muss kein schwerwiegender Datenschutzverstoß sein – aber die Idee ist nun in einem System, auf das andere Augen Zugriff haben könnten.

Das heißt nicht, dass KI für die kreative oder unternehmerische Planung nutzlos wäre. Es heißt, dass man klug damit umgehen muss.

Wie man KI trotzdem sicher nutzen kann

  • Trainingsnutzung deaktivieren: In den Einstellungen der meisten KI-Dienste lässt sich die Option „Chat-Verlauf und Training" abschalten. Bei ChatGPT findet man diese unter den Datenschutzkontrollen.
  • Abstrakt formulieren statt konkret nennen: Statt „Ich entwickle eine App namens MeinProjekt..." fragt man besser: „Wie vermarktet man eine neue Software im Bildungsbereich?" Der Verzicht auf echte Namen und spezifische Details ist ein einfacher, aber wirkungsvoller Schutz.
  • Lokale KI-Lösungen nutzen: Es gibt Programme, die vollständig offline auf dem eigenen Computer laufen – etwa über Tools wie Ollama oder LM Studio. Was lokal bleibt, verlässt niemals das eigene System.
  • Unternehmens- und Businesstarife wählen: Business- oder Enterprise-Tarife garantieren vertraglich, dass Daten nicht für das Training genutzt werden und vertraulich bleiben.

Ein Prinzip, das bleibt

Die Frage, ob eine KI schweigen kann, ist letztlich eine Frage des Systemdesigns und der vertraglichen Absicherung – nicht der moralischen Integrität der Maschine. KI-Systeme haben keine Absichten, weder gute noch schlechte. Aber sie sind eingebettet in Unternehmen, Nutzungsbedingungen und kommerzielle Interessen.

Wachsamkeit ist hier keine Paranoia, sondern digitale Selbstverständlichkeit. Was in keinen öffentlichen KI-Chat gehört: echte Namen in sensiblen Zusammenhängen, medizinische Befunde, Mandantengeheimnisse, konkrete Geschäftsideen in vollem Detail.

Wer das beherzigt, kann KI als das nutzen, was sie ist: ein beeindruckendes Werkzeug – ohne die Illusion, einen verschwiegenen Vertrauten gefunden zu haben.